IMG_20160503_184543Auf dem Southern-Upland-Way (und ein paar anderen Pfaden) von Portpatrick nach Edinburgh

Die Vorgeschichte

Nachdem ich das Jahr 2015 (ausnahmsweise) in kompletter Schottland-Abstinenz verbracht habe, um endlich einmal Zeit für zwei Fernwanderungen in Deutschland zu haben, stand die grobe Richtung für meine Frühjahrswanderung 2016 ja von vorne herein fest: Endlich wieder Schottland! Was sonst?

Und dieses Mal wird es (ausnahmsweise) einmal nicht in die Highlands gehen, sondern ich habe vor, die Southern Uplands zu erkunden. Eine Gegend, die leider von nahezu allen Schottland-Besuchern allerhöchstens auf der Anreise durchfahren wird, wenn überhaupt. Und das völlig zu Unrecht! Auch ich selber gehöre ja seit mehr als 25 Jahren zu dieser Gruppe, wenn man mal von ein paar kurzen Ausflügen dorthin absieht. Also wurde es jetzt auch für mich endlich Zeit, in Dumfries & Galloway und den Borders einmal ausgiebig Zeit zu verbringen.

Drei Wochen Urlaub sind genehmigt, allerdings nach meinem Geschmack auch etwa drei Wochen zu früh, was sich (im Rückblick) dann auch bestätigt hat. Aber … was tut man nicht alles für seine Arbeitskollegen …

Der Southern-Upland-Way wird die Basis dieser Tour sein. Ab Innerleithen dann allerdings über die Cross-Borders-Drove-Road nach West Linton und dann durch und über die Pentland Hills nach Edinburgh.

312 km ergibt meine ursprüngliche Planung. Durchaus etwas ambitioniert für den geplanten Zeitraum von 15 Wandertagen, wenn man Gepäck und Terrain berücksichtigt. (Auch das wird sich im Rückblick bestätigen. Aber ich will hier nicht vorgreifen … 😉 ) Meine Etappenziele und Übernachtungen stehen soweit fest und es wird eine kunterbunte Mischung werden: 5x Hotel / Inn, 3x B&B, 5x Bothy und 2x im Zelt.

Eines darf (und muß!) ich hier aber doch noch vorab verraten: Ich habe (im Rückblick … 😉 ) keine einzige Minute bereut!

Aber … lest selber:


In den Startlöchern!

23. 04. 2016: Die letzten Vorbereitungen …

In meinem Wohnzimmer sieht es aus wie in einem Outdoor-Laden beim Räumungsverkauf! Für Uneingeweihte das absolute Chaos! Alles ist auf dem Fußboden verteilt und sortiert und liegt bereit und wird in Kürze in den Rucksack gestopft werden. Und dann kann man sich im Wohnzimmer auch wieder frei bewegen (was aber auch wieder keinen echten Sinn macht, weil ich dann ja weg sein werde …). Aber vor das passiert … jetzt mußte es einfach sein … so ein Vorfreude-Bier für zwischendurch beim Gasthof Adler hier in Ziemetshausen!

Und morgen früh geht es dann endlich wieder los, nach einem Jahr Abstinenz: … nach bonnie Scotland !!!

(Nein, Photos von meinem Wohnzimmer gibt es hier nicht!)

ALBA GU BRÀTH !


1. Tag – Anreise Teil 1

24. 04. 2016: Von Ziemetshausen nach Edinburgh

Auf nach Schottland mit schwäbischer Gemütlichkeit

Irgendwie hab ich die letzte Nacht schlecht geschlafen. Jaja, das Reisefieber …

Auch der Kaffee heute früh beim Gasthof Adler hat wenig bewirkt, und anstatt am Flughafen in Stuttgart mal endlich in Ruhe herumsitzen zu können, hab ich mir drei mal die Füße in den Bauch gestanden: Einmal beim Check-In, einmal bei der Sicherheitskontrolle und einmal bei der Paßkontrolle. Nichts ging vorwärts. Aber schon gar nichts!

Immerhin sorgt der Bordkartenscanner vor der Security für etwas Entspannung: Das grüne Licht wird nämlich in Stuttgart nicht von einem schnöden „OK“ auf dem Display begleitet wie sonst überall, sondern von der Meldung „Älles subbr!“ Ich quittiere diese urschwäbische und megasympathische Statusmeldung mit einem breiten und entspannten Grinsen und ganz spontan ist tatsächlich meine ganze Anspannung wie weggeblasen. Start mit 25 min Verspätung. Who cares?

Aber jetzt bin ich da! Endlich! Und Edinburgh hat mich am Airport mit strahlendem Sonnenschein empfangen! Blauer Himmel und Sonnenschein. Und dazu das haushohe Plakat der RBS direkt gegenüber des Ausgangs am Airport, auf das ich mich jedes Mal wieder so freue: „Welcome to Edinburgh. This is home!“ Oh ja !!!

Der Airlink-Bus bringt mich flott in die Stadt, jetzt noch etwas laufen zum gebuchten Quartier, Zimmer beziehen und dann …

… naja, ich bin immer noch hundemüde. Aber das stört mich und den Grassmarket jetzt überhaupt gar nicht! 😉

Nur übertreiben werd ich heute sicher nicht. Der morgige Tag wird wieder aus viel Busfahren bestehen, bis ich dann am Nachmittag in der südwestschottischen Stadt Stranraer ankommen werde. Meinem eigentlichen Ziel und dem Startpunkt für die anstehende Wanderung.


2. Tag – Anreise Teil 2

25. 04. 2016: Von Edinburgh nach Stranraer

Wo der Südwind weht: Gar nicht so langwierig und langweilig wie erwartet!

08:00 pünktlich wie die Eisenbahn 😉 bin ich beim Frühstück. Mein erstes „Full Scottish“ auf dieser Reise mit allem drum und dran (porridge, bacon, sausages, black pudding, haggis, fried eggs, fried mushrooms, grilled tomatoe, toast, marmalade, etc.)!

Mein Gott, wie hab ich das vermisst! Köstlich!!! Und mehr als reichhaltig! *UFF* Ein Traum!!!

09:00 Abmarsch am Quartier und erst einmal zu Fuß in die Innenstadt zum Busbahnhof. Kurz vorher noch ein kleiner Schlenker in die Rose Street zum Outdoorladen, denn ich brauche noch zwei Gaskartuschen. Das Wetter bleibt einwandfrei, aber recht kalt und sehr windig.

10:10 Abfahrt nach Glasgow. Das Ticket für den CityLink hab ich schon von daheim aus online gekauft, also geht es völlig entspannt und voll ausgerüstet auf die zweite Etappe der Anreise.

11:40 Glasgow. Naja, was soll ich sagen? Wer mich kennt, der kennt auch meine Meinung zu dieser Stadt. Ich bin heilfroh, daß der Zwangsaufenthalt am Busbahnhof nur kurz dauert.

12:20 Abfahrt Richtung Stranraer. Die Aussicht vom Bus und der Küstenstraße hinaus aufs Meer ist gewaltig. Und immer noch lacht die Sonne! Die Wellen und die Brandung lassen mich allerdings Übles vermuten …

15:05 auf die Minute genau hält der Bus in Stranraer, meinem Stützpunkt für die nächsten zwei Tage.

Als ich vor einigen Monaten meiner anstehenden Wanderung auf dem Southern-Upland-Way das Motto „Up in den Süden“ gegeben habe, habe ich noch in keiner Weise daran gedacht, wie unerwartet sich ein südliches Klischee doch manifestieren kann. Aber heute hat es mich dann doch fast umgehauen, als ich hier in Stranraer völlig unvorbereitet vor … PALMEN stand !!! Auf 55° nördlicher Breite! Zugegeben – nicht das erste mal, denn die ersten schottischen Palmen hab ich schon vor 25 Jahren gesehen, aber … es ist doch immer wieder faszinierend!

Der Ort wirkt nett, aber etwas schläfrig. Und irgendwie verlassen. Keine Frage, hier passiert genau das gleiche, wie bei uns daheim beim Bau neuer Umgehungsstraßen: Der Durchgangsverkehr, der so viele Läden, Kneipen, usw. jahrzehntelang am Leben erhalten hat, fehlt einfach mittlerweile. Nur, daß in diesem Fall nicht eine Umgehungsstraße schuld ist, sondern ein neu gebauter Fährhafen ein paar Kilometer weiter nördlich. Und wir reden hier über die Fähre Schottland – Nordirland! Kein Kleinkram also!

15:20 Bei meinem Quartier, dem Neptune’s Rest Guesthouse ist niemand da. Bin ja auch recht früh dran. Genau auf diese Gelegenheit habe ich gewartet: Zeit für ein Pint im Pub! 😉

Auch hier ist alles sehr ruhig. Irgendwie zu ruhig. Nach einer halben Stunde kommt aber gewaltig Leben in die Bude: Die Kinder der Wirtin sind mit dem Bus von der Schule gekommen und … besetzen erst einmal den Billardtisch! Und zwar richtig gut! Um mich mit denen spielttechnisch „anlegen“ zu können, müßte ich erst einmal wieder ausgiebig üben! Der jüngste (und nicht der schlechteste!) ist gerade mal acht Jahre alt! *grummel*

17:00 Quartier bezogen, Rucksack komplett entleert (morgen steht das neubepacken für den „Wandermodus“ an) und alles etwas sortiert und nach etwa einer Stunde ab ins nahe gelegene Restaurant „The Custom House“, das mir meine Gastgeberin Emma empfohlen hat. Sehr zu recht, denn ich schlemme mich für wirklich sehr wenig Geld durch die Karte …

20:00 Deutlich schwerer und mehr als pappsatt noch ein kurzer Check an der Bushaltestelle für die morgige Fahrt nach Portpatrick und dann … naja … ein Pint ist heute schon noch drin. Als Betthupferl! 😉

21:40 *schnarch*


3. Tag – 1. Etappe

26. 04. 2016: Von Portpatrick nach Stranraer … oder war’s andersherum … ?

 

volle Distanz: 15.62 km
Gesamtanstieg: 369 m
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Ein Start mit Hindernissen und irgendwie total verkehrt …

08:00 Frühstück! Angesichts des bevorstehenden ersten Marschtages bremse ich mich etwas ein, obwohl ich die Kalorien eigentlich gut gebrauchen könnte. Aber: Ein voller Bauch marschiert nicht gern, das hab ich mittlerweile doch gelernt …

Ich verzichte also auf die Würstchen, den Tattie Scone und den Black Pudding. Ist auch so noch mehr als genug 😉

Das Wetter ist wie vorhergesagt: Strahlend blauer Himmel mit ein paar weißen Wölkchen, 4°C und Windgeschwindigkeiten zwischen 40 und 50 km/h (nein, das sind keine Böen, die gehen nämlich bis 65 km/h !) … BRRRRR !!! Das schreit ja fast schon nach Vollausrüstung!

08:35 Abmarsch zur nah gelegenen Bushaltestelle, wo um 08:50 mein Bus nach Portpatrick abfahren soll. Betonung auf soll, denn:

08:40 Keine 50m vor der Haltestelle überholt mich MEIN Bus! Und macht auch keine Anstalten anzuhalten, sondern fährt einfach durch. 10 min zu früh! Sekunden später brüllen zwei reichlich beleibte schottische „Damen“ dem Bus Beschimpfungen und Verwünschungen hinterher, die ich hier unmöglich wiedergeben kann, denn

  1. hab ich nur 20% verstanden und
  2. soll diese Seite jugendfrei bleiben!

Ich bin also offensichtlich nicht der einzige Stehengelassene. Immerhin – mir bleibt eine Alternative: Lauf ich eben nach Portpatrick und fahr dann mit dem Bus zurück! Die erste Etappe also verkehrt herum. Den beiden „Damen“ platzen fast die Augen heraus, als ich ihnen mit einem Achselzucken mein abenteuerliches Vorhaben erläutere. ZU FUSS nach Portpatrick ??? Mein Gott, wenn die wüßten, was ich insgesamt vorhabe … 🙂

09:00 ich bin unterwegs! Raus aus dem Städtchen und hinein in die Landschaft! Der wilde Ginster blüht knallgelb, der Himmel ist knallblau, die Schafe haben Lämmer und die Kühe haben Kälber. Was gibt es schöneres, als Schottland im Frühling ???

Und so geht es auf kleinen und zunächst asphaltierten Wegen durch die Hügel, vorbei an einigen einsamen Bauernhöfen und mitten durch ganze Rinderherden. Aufpassen! Niemals zwischen Kuh und Kalb geraten, das kann übel enden! Teilweise gar nicht so einfach, bei dem Auflauf an Hornvieh.

Am Knockquassan Reservoir endet der Track und weiter geht es auf einem echten Fußpfad, immer durch Heide und Ginster bis zum Leuchtturm „Killantringan Lighthouse“ an der Südwestküste – einschließlich einem großartigen Blick hinüber nach Irland! Ja wirklich! Wahnsinn!!! Fast zum Greifen nah zeichnet sich die irische Küste im leichten Dunst ab!

Weiter geht es entlang dieser atemberaubenden Steilküste auf ebenso abenteuerlichen Pfaden weit über der tosenden Brandung bei immer noch Windstärke 6 bis 7! In Worten nicht zu beschreiben, tut mir leid, selbst die Photos geben das nicht wirklich wieder. Aber schaut sie Euch an, da seht Ihr mehr, als ich jemals in Worten ausdrücken könnte!

Zwischendurch ein technisches Relikt, das Cable House. Von diesem unscheinbaren kleinen Gebäude aus führte von 1853 bis 1983 das erste Telegraphenkabel von Großbritannien hinüber nach Irland.

13:30 Ankunft in Portpatrick! Ich lasse mir ganz bewußt Zeit für den Abstieg hinunter in dieses hübsche Mini-Städtchen, um mir dann im örtlichen Hotel ein Pint zur Belohnung zu gönnen. Und einen kleinen Seafood-Snack: Ein ganzer Teller frische Scallops für gerade mal 8 £! (Beilagen extra, aber die brauche ich nicht) Wer könnte da widerstehen? Also … ich nicht! 😉

16:00 Völlig fahrplanmäßig trifft der Bus ein, der mich zurück nach Stranraer bringen soll. Dabei war ich extra 20 min zu früh an der Haltestelle (man weiß ja nie …)

16:30 Zurück in Stranraer. Während der Rückfahrt habe ich in Gedanken meine Ausrüstung sortiert, ins Verhältnis zur bestehenden Witterung gesetzt und bin zu dem Schluß gekommen, daß ich relativ knapp an der Grenze bin. Ein zusätzlicher leichter Pullover wäre wohl kein allzu übertriebener Luxus. Also auf zu einer kurzen Shoppingtour im Städtchen, wo ich bereits nach kurzer Zeit fündig werde.

Fazit des Tages: Selten ein Schaden, wo kein Nutzen dabei ist! Die Richtung, in der ich die heutige Etappe gewandert bin, ist VIEL schöner, als die eigentlich geplante. Die Eindrücke steigern sich ständig. Und noch ein großer Vorteil war für mich: Wind mit Sturmstärke ist von hinten viel angenehmer, als von vorne!

Morgen geht es hinaus in die Uplands. Völlig neuen Erfahrungen und Begegnungen entgegen.


4. Tag – 2. Etappe

27. 04. 2016: Von Castle Kennedy nach Laggangarn

 

volle Distanz: 22.6 km
Gesamtanstieg: 419 m
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Auf und hinaus in die Uplands – durchaus etwas anstrengend !

08:00 Frühstück! Meine Gastgeberin in Stranraer zaubert auch heute wieder alle nur denkbaren Köstlichkeiten auf den Tisch, aber ich will mich nicht gewaltsam vollstopfen. 23 km stehen auf dem Programm, und ich bin weder trainiert noch in meinem Büffeltrott angekommen. Also habe ich jede Menge Respekt vor dieser Etappe. Zumal ja auch der Rucksack (noch) bis zum Rand mit allem möglichen Zeug vollgestopft ist, davon fast 4 kg Proviant …

08:45 Ich bin an der Bushaltestelle! Heute darf mir der Bus (Abfahrt 09:00) nämlich keinesfalls davonfahren, denn das würde die Wanderstrecke um 6 recht langweilige km verlängern, worauf ich nicht die geringste Lust habe. Die Sonne lacht, der schneidende Wind der letzten zwei Tage ist weg, und das MetOffice verspricht einen weitgehend trockenen Tag. Hoffentlich stimmt das auch!

09:05 Der Busfahrer läßt mich an der Zufahrt zum Castle Kennedy aussteigen und nach zwei kleinen Umbauten am Rucksack geht es los! Und heute sogar in der richtigen Richtung … 😉

Castle und Gardens haben noch geschlossen, also bremst mich nicht das geringste, mit Vollgas loszulegen. Nach ein paar hundert Metern treffe ich einen anderen Wanderer, der hier im Schlosspark (der Wanderweg führt quasi durch) auf einem Holzstapel sein Zelt trocknet und davor auf einem Gaskocher Porrige kocht. „Southern-Upland-Way?“ – „Shure! See you later!“
Es gibt also noch andere Irre außer mir, die diesen Trail um diese Jahreszeit in Angriff nehmen. Irgendwie beruhigend.

09:30 Jetzt bremst mich doch etwas ein: Ich selber! Langsam, Markus. Langsam! Ist ja nicht zu fassen, mit welchem Tempo ich hier wieder durch die Gegend renne. So werde ich die Etappe nicht schaffen. Immer das gleiche. Bei jeder Wanderung das gleiche. Es dauert drei Tage, bis ich meinen Trott gefunden habe. Also bremse ich runter. Weiter geht es hinaus in die Landschaft, auf einer kunterbunten Mischung aus kleinen Sträßchen, Feldwegen und grasigen Pfaden hinauf und hinab durch die „rolling hills“. Wirklich nichts spektakuläres, aber richtig schön und abwechslungsreich. Irgendwann überholt mich eine 3er-Gruppe englischer Wanderer, denen ich schon gestern auf der ersten Etappe begegnet bin. Sie wollen den kompletten Weg auf der Originalroute in 12 Tagen laufen, allerdings mit organisiertem Gepäcktransport und „vehicle support“. Da sind dann natürlich ganz andere Etappenlängen möglich …

14:30 Der Weg endet im Nichts. Nicht einmal die Spur eines Trampelpfads ist noch erkennbar. Aber ca. alle 100m sind Pfosten gesetzt, die eine angeblich optimale Routenführung durch diesen Wildnisabschnitt empfehlen. Ich bin da zwar geteilter Meinung, aber immerhin gibt es auf der markierten Route ein paar kleine Stege über die zahlreichen Bäche, was das Vorankommen doch deutlich vereinfacht.

15:00 Der Weg ist wieder besser und eindeutig, aber von vorne ziehen Wolken heran, die ihre Last ganz offensichtlich bereits fallen lassen. Erst ein paar Regentropfen, dann etwas Schnee und dann graupelt es ganz heftig und auch anhaltend. Ich bin ein Glückspilz! Es gibt keinen schöneren Niederschlag als Graupel! Ein trockener Regen, der jede Schlechtwetterkleidung nahezu überflüssig macht. Trotzdem beschleunige ich jetzt ganz bewußt mein Tempo, den der Wind bläst hier oben wieder deutlich stärker und kälter und nur 1 km vor mir führt der Weg in einen Wald, der etwas Schutz verspricht.

16:20 Am Ziel! Hier auf einer Lichtung steht das Beehive-Bothy, eine kleine hölzerne Schutzhütte, die bis zu fünf Wanderern einen Schlafplatz im trockenen bietet. Noch bin ich ganz alleine hier mitten in „The Middle of Nowhere“. Bin gespannt, ob ich noch Gesellschaft bekomme. Jetzt erst mal rein und den Rucksack abstellen. Eine Wohltat! Isomatte aufblasen, Schlafsack bereitlegen, und einen Topf Tee mit Geheimzutat brauen.

Und gerade, als ich den Gaskocher das zweite Mal in Betrieb nehmen will, um mich den kulinarischen Niederungen von gefriergetrockneter „Reispfanne Balkan Art“ hinzugeben, kommt der Porrige-kochende Wanderer von heute morgen! Cool! Er kocht auch gleich und zwar … wieder Porrige. Keine Ahnung, ob er auch noch was anderes dabei hat. Wir futtern beide wie die Weltmeister. Jaja, wandern macht hungrig! Zum Dessert noch ein paar Schokoriegel – hurra, mein Rucksack ist um 350g leichter!

Und nun, abseits aller Mobilfunknetze und sonstiger zivilisationsbedingter Störungen: *schnarch*


5. Tag – 3. Etappe

28. 04. 2016: Von Laggangarn nach Bargrennan

 

volle Distanz: 21.59 km
Gesamtanstieg: 343 m
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Ganz in weiß, mit einem miesen Gefühl am Anfang …

07:00 Zum ersten mal wach. Mein neuer Schlafsack hält wirklich, was versprochen war. Bacherlwarm! Trotzdem es wirklich scheißkalt ist. Wach bin ich allerdings aus einem anderen Grund: Ich muß raus … Draußen vor der Schutzhütte dann der Schock: Alles weiß. Winter Wonderland. Es hat geschneit über Nacht und es schneit weiter in dicken fetten Flocken. Und es ist scheißkalt. (Ja, ich weiß, hab ich schon erwähnt …) Das kann ja heiter werden. Ich entscheide mich, umgehend wieder in die Hütte und den Schlafsack zurück zu kriechen (mit einer starken Betonung auf „kriechen“, denn der Konstrukteur dieser Schutzhütte muß ein Hobbit gewesen sein!) und die gerade gemachte Erfahrung als bösen Alptraum abzuhaken.

08:00 Ich erwache von einem verführerischen Duft: Porrige! Mein Unterschlupf-Kollege kocht mal wieder. Soll ich … nein! Nochmal umdrehen. Und doch gleich wieder aufwachen. OK, was solls … auf jetzt! Ein Blick nach draußen bestätigt, daß mein erster Alptraum des Tages KEIN Alptraum war, sondern die knallharte Wahrheit. Also nochmal zurück in den Schlafsack! Realitätsverweigerung nennt man das wohl …

09:00 OK, OK, OK … irgendwann muß ich ja aufstehen. Also bitte. Rucksack packen und dann geht’s los! Hinaus in die weiße Welt, mit allem, was ich dabei habe übereinander angezogen und darüber noch den Poncho. Und es schneit immer noch in dicken fetten Flocken. Ca. 10 cm sind es jetzt auf dem Boden. Was für ein Mist. Und es geht nach oben. Doppelmist!

10:00 Wir (also Mr. Porrige und ich) sind gemeinsam von der Hütte aufgebrochen, ein Stück weit den Berg hinauf und schon nach kurzer Zeit haben wir uns aus den Augen.verloren. Kein Wunder, bei ca. 20m Sichtweite …

10:30 Der Schneefall hört auf, ich kann Mr. Porrige sehen! Oops, er ist hinter mir … ich muß unbemerkt an ihm vorbei gelaufen sein! Er ist genau so verwirrt. So ein Wetter braucht kein Mensch!

10:45 Ich erlebe die allerübelste Variante des altbekannten schottischen Spieles „gutes Gras – böses Gras“: Bogholes mit 10cm Schnee darüber! *fluch* *schimpf* *zeter* Immerhin halten die Schuhe dicht …

11:00 Der Paß ist bewältigt, leider wetterbedingt ohne jede Aussicht. Die muß theoretisch grandios sein. Also hinunter durch immer noch viel Schnee, der aber schon bald nachlässt und ich habe jetzt das Gefühl, als würde ich vom Winter buchstäblich in den Frühling hineinlaufen. Ein Traum von Landschaft, Licht und Wolken, als ob es die letzten Stunden nie gegeben hätte. Der Weg bleibt anstrengend, aber das Panorama um mich herum läßt jede Mühe vergessen.

14:00 Der Weg endet … mal wieder. Irgendwo sind auch wieder Pfosten gesetzt, aber es ist schwer, von einem den nächsten zu erkennen. Eher unmöglich. Ich verlasse mich lieber auf meinen Kompass und die Karte, um den Zugang zum nächsten Abschnitt auf einer kleinen Straße zu finden. Um dann den nächsten und letzten quasi weglosen Abschnitt in Angriff zu nehmen, der mich direkt hinunter zu meinem Tagesziel Bargrennan führt.

16:30 Ankunft am Campingplatz, Zelt aufbauen, kurz mal in die Sanitärräume, und ab in das nahe gelegene Inn auf ein Pint (oder zwei, oder so … )

21:00 zurück im Zelt. Mein 2 qm Palast! *schnarch*


6. Tag – 4. Etappe

29 04. 2016: von Bargrennan nach White Laggan

 

volle Distanz: 16.76 km
Gesamtanstieg: 526 m
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Leichter Start und schweres Ende. Und ein wahrhaft luxuriöser Abschluß!

07:30 Erstes Erwachen. Viel zu früh für Aktivitäten im Urlaub. Also wieder in den Schlafsack kuscheln und ein bißchen die Wanderkarte studieren. Die Höhenlinien auf dem letzten Abschnitt der für heute geplanten Etappe gefallen mir gar nicht so recht …

09:00 Raus jetzt aus den Federn! Erst mal etwas Hygiene, ein bißchen selbstfabriziertes Frühstück (TUC-Kekse und Erdnußbutter und Tee), und dann … es hilft alles nichts, ich muß erst einmal den kompletten Rucksack umpacken, bevor ich überhaupt daran denken kann, das Zelt abzubauen. Das kostet Kraft und Zeit. Aber davon hab ich heute genug, denn gerade einmal 17 km stehen auf dem Programm.

10:55 Abmarsch in Bargrennan. Entgegen der eigentlichen Richtung, denn ich habe vor, mir hier im Wald bei Glentrool ein neolithisches Hügelgrab anzusehen. Doch ich finde … NICHTS! (Mark S. aus M. kennt diese Situation …) Zumindest nicht in einem mit einem Trekkingrucksack erreichbaren Umkreis von Wegen. Um ganz genau zu sein: Ich finde nicht einmal den Weg … Was solls, einen Versuch war’s wert. Also direkt weiter auf einem wunderschönen Fußpfad über die Stroan Bridge und entlang des Water of Trool, allerdings nicht, ohne mir im dortigen Tearoom ein kleines zweites Frühstück in Form von zwei Sandwiches zu gönnen. Denn erstens ist es schon Mittag und zweitens geht es ab hier wieder hinaus in die Uplands – der Tearoom ist also (zumindest für Wanderer) der letzte Außenposten der Zivilisation.

Gerade, als ich von meinem kleinen erfolglosen Ausflug in die schottische Frühgeschichte wieder auf den originalen Weg einbiege, kommt auch Mr. Porrige anmarschiert! Wir haben für heute wieder das gleiche Ziel, die Schutzhütte White Laggan.

Der Weg führt immer zielsicher durch Glen Trool bis zu Loch Trool, wo ein Schild darum bittet, wegen Holzfällarbeiten die Alternativroute an der Nordseite des Sees zu nehmen. Kein großes Problem, damit verpasse ich eigentlich nichts wesentliches und so geht es jetzt hoch über Loch Trool vorbei an Bruce’s Stone, einem gewaltigen Gedenkstein an die Schlacht von Glen Trool, bei der Robert the Bruce im 14. Jahrhundert die Englischen Truppen zum ersten Mal vernichtend geschlagen hat. Das zweite Mal dann bei der allseits bekannten Schlacht von Bannockburn. Geschichte auf Schritt und Tritt!

Landschaftlich ist das alles ein Traum! Abartig schön ist dieses Tal und der darin liegende See. Von den Highlands in keiner Weise zu unterscheiden. Ich kann mich kaum sattsehen! Und das Wetter hält auch durch. Kein Niederschlag, nicht der geringste, und hier im Tal bläst auch kaum Wind. Was mir bei Temperaturen um 5 Grad mehr als recht ist. Allerdings: Vor mir liegen die Berge, die ich heute noch erklimmen muß, und da oben liegt unübersehbar Schnee …

Kurz vor dem Talende, wo der finale und heftige Aufstieg beginnt, treffe ich wieder auf Mr. Porrige, der … na? … genau! Er sitzt auf der Steinmauer einer kleinen Brücke und kocht Porrige! Ein echtes Faszinosum!

Und nun beginnt sie, diese Strecke mit den vielen bösen Höhenlinien! Ich habe das Gefühl, dieser Aufstieg würde nie enden. Immer bergauf bei immer der gleichen Steigung, das einzige was sich ändert ist die Temperatur (nach unten) und die Windstärke (nach oben). BRRRR !!! Und die Ausblicke natürlich! Die schneebedeckten Gipfel rücken näher und näher, der Blick zurück wird immer spektakulärer, und ganz oben, kurz nach dem Paß – ein riesiger See, der Loch Dee vor der Bergkulisse! Alle Achtung vor dem Designer dieser Landschaft! Die Matrix-Theorie von Andreas F. aus Z. schießt mir wieder in den Kopf. Wahrscheinlich hat er tatsächlich recht – solche Landschaften können gar nicht real sein! Alles eine perfekt geplante Simulation. Holo-Deck und so. Muß so sein!

Mehr als real fühlt sich allerdings der schneidend kalte Wind an. Und auch auf meinen mehrfachen lautstarken Befehl „Computer – alterieren!“ öffnete sich keine Bedienkonsole. Sollte das also doch kein Holo-Deck sein, sondern echte Realität? Scheint so, auch wenn es mir fast unglaublich erscheint. Auch nach so einigen Jahren Erfahrung in und mit Schottland: Das kann doch gar nicht real sein! Niemals!!!

Noch zwei Kilometer weiter, mit hoch zugezogenem Jackenkragen, wobei ich ständig am zweifeln bin, ob ich diese Strecke jetzt schneller (schneidend kalter Wind) oder langsamer (unfaßbar schöne Szenerie) hinter mich bringen sollte. Aber schließlich liegt es da, mein Tagesziel: White Laggan Bothy! Mit einem gewaltigen gemalten Saltire auf der dem Tal zugewandten Giebelseite!

Was früher bis zu den Clearances im 19. Jh. hier oben eine kärgliche Landwirtschaft war, bietet heute Schutz und Unterschlupf für 6 Wanderer. Es wird voll werden, denn eine Gruppe von vier Schotten ist bereits da und hat dankenswerter Weise schon einmal den Kamin angefeuert. Unerwarteter Luxus pur! Die vier werden eine ganze Woche da sein und die umliegenden Berge erkunden. Und nach einer halben Stunde trifft auch Mr. Porrige ein. Sollte noch jemand kommen, wird’s eng auf dem Fußboden … aber es kommt keiner mehr.

Dafür laden uns die Schotten zum Bier ein. Und so sitzen wir nun alle im Kreis um den Kamin, diskutieren über Gott und die Welt und das bevorstehende EU-Referendum – und ich gewinne völlig neue Einblicke in die britische Psyche … 😉

Ach so, die Schneegrenze hab ich heute knapp verfehlt, die liegt ein bißchen über dem Bothy … 😉


7. Tag – 5. Etappe

30. 04. 2016: Von White Laggan nach St. John´s Town of Dalry

 

volle Distanz: 22.88 km
Gesamtanstieg: 430 m
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Blau und grau und naß und weiß und warm und wolkig und trocken und kalt und sonnig und stürmisch und das alles im ständigen Wechsel von früh bis spät !

08:00 der verführerische Duft von Porridge zieht durch die Hütte, denn Mr. Porridge kocht mal wieder Porridge. Alles andere hätte ja auch mein Weltbild zerstört 😉 Also schäle ich mich langsam aus meiner Schnarchtüte und beginne das Chaos um mich herum zu sortieren. Erst mal das Zelt wieder einpacken, das ich gestern in der Hütte noch zum trocknen aufgehängt habe, dann den Schlafsack, Isomatte, Gaskocher, und dann ist ja da noch der Beutel mit Proviant, und diverse Klamotten und etwas Technik und überhaupt… Unglaublich, was man innerhalb eines 65-l-Rucksacks so alles unterbringen kann. Die Tatsache, daß ich so einiges von dem ganzen Zeug gestern Abend ausgepackt und wirr um mich herum verteilt habe beschleunigt meine Ordnungsfindung auch nicht gerade, und so wird es wieder fast 10:00 bis ich endlich aufbrechen kann.

09:43 Los geht’s! Von der Hütte wieder hinunter zum See und dann auf einem völlig langweiligen Forstweg eine halbe Ewigkeit durch eine genau so langweilige Fichtenplantage. Keine Bilder und auch keine rechte Motivation.

11:50 Ab jetzt ist alles anders! Der Weg biegt vom Forstweg auf einen kleinen Trampelpfad ab, die Hügel hinauf und hinunter und wieder hinauf, mitten durch die pure Wildnis. Traumhafte Landschaft und viele schöne Ausblicke, doch das ganze wird heute von extrem schottischem Aprilwetter begleitet:

  • Poncho an / Poncho aus
  • Pullover an / Pullover aus
  • Jacke auf / Jacke zu
  • Longjohns an / Longjohns aus
  • Mütze auf / Mütze ab
  • usw., usw., usw., …

So geht das den ganzen weiteren Weg und bremst das Marschtempo gewaltig ein. Ich glaube, ich hab heute für maximal 10% der Zeit die richtigen Klamotten angehabt, die restliche Zeit war ich mit dem wechseln derselben beschäftigt.

Und bei den theoretisch richtig schönen Landschaftsansichten war leider meistens Regen oder sonst irgendwas nasses in halb fester oder flüssiger Form von oben, wenn auch immer nur ganz kurz. Die Bilder geben also nur die ganz schönen Abschnitte dieses Tages wieder …

14:00 Die Zivilisation hat mich wieder! Also, so ein bißle … Der Weg verläuft jetzt wieder auf kleinen Feldwegen (die gemäß Klassifizierung aber ganz normale Straßen sind, denn etwas besser ausgebautes gibt’s hier nicht.). Vorbei an einsamen und abgelegenen Bauernhöfen, wo einem jeder Hofhund schwanzwedelnd entgegen läuft, vor lauter Freude über die Abwechslung, mal von einem Wanderer gestreichelt zu werden. Durch ein verzaubertes Tal mit tosendem Bach durch alte Eichenbestände und ganz zum Schluß noch einmal hinaus und hinauf auf den Waterside Hill (extremely boggy!), von dessen Gipfel mein Tagesziel in nur noch 2 km Entfernung auszumachen ist: St. John’s Town of Dalry.

16:10 Nichts wie hinunter und rein in das Clachan Inn, wo ich heute nach drei Tagen in den Uplands zum ersten mal wieder ein festes Quartier habe. Dusche, umziehen, und ab nach unten in den hauseigenen Pub.

18:00 Ich veranstalte eine kulinarische Orgie. Und jetzt noch ein Pint. Bißchen Kartenstudium für morgen, bißchen Blog schreiben, …

21:00 ich fühle mich irgendwie unwohl. Netter Pub und nette Leute und alles in bester Ordnung und wunderbar, aber viel lieber würde ich jetzt wieder mit einem Topf „peat-flavoured Minzohol“ oben in White Laggan sein, es mag seltsam klingen, ich weiß. Hier ist es einfach laut und voll und auch viel zu warm. Seltsame Anwandlungen, die einen da so überkommen.

22:00 Zeit fürs Bett, morgen steht die (nach meinen akribischen Berechnungen) anstrengendste Etappe an: 28 km plus ca. 750 Hm. Ziel: Polskeoch Bothy! Das wird heftig!


8. Tag – 6. Etappe

01. Mai 2016: Von St. John´s Town of Dalry nach Polskeoch

 

volle Distanz: 28.09 km
Gesamtanstieg: 888 m
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Bloody Hell !!!

Bei jeder Wanderung kommt immer irgendwann der Punkt, an dem ich mich ernsthaft frage, was mich da bei der Planung geritten hat. Heute war es wieder soweit! Und wie! Fluchen in drei Stufen … Einzig die ständigen Kleidungswechsel blieben mir erspart, denn außer dem Modus „Poncho über Jacke“ war heute nichts gefordert.

08:00 Frühstück im Clachan Inn in St. John’s Town of Dalry. Die Nacht war irgendwie zu kurz. Da mein Zimmer direkt über dem Pub lag (und der war brechend voll!) bin ich erst recht spät ins Bett. Vor 23:00 war an Schlaf nicht zu denken. Also, nicht daß ich etwas dagegen hätte, in angenehmer Gesellschaft lange in der Kneipe zu sitzen, um Gottes Willen, aber gestern war mir das alles irgendwie zu viel.

Draußen regnet es leicht. Nichts ernsthaftes und auch wie vorhergesagt. Und das wird sich heute auch nicht mehr großartig ändern. Lediglich die Intensität variiert.

09:00 Nachdem alles wieder gepackt ist (auch die Shirts, die ich gestern abend noch einer Wäsche unterzogen habe) geht es wieder los. Auf zur längsten und anstrengendsten Etappe der ganzen Tour. Zufällig sehe ich beim Blick auf die Streckentabelle noch, daß ich gestern genau die ersten 100 km voll gemacht habe! Na, dann waren die paar Bierchen ja redlich verdient ! 😉

Wie mir schon bewußt ist, geht es erst einmal bergauf. Auch das wird sich den Tag über kaum ändern, denn Dalry liegt auf 70 m Meereshöhe, das Ziel Polskeoch Bothy liegt auf 380 m und dazwischen ist noch der Benbrack mit 580 m zu überqueren.

Optisch hat die Etappe heute wenig zu bieten. Sanfte Hügel rundum, keine echten Berge oder irgend etwas anderes, das große Abwechslung bringen würde. Und das macht es auch navigatorisch schwer. Alles um mich herum sieht irgendwie gleich aus. Dazu Sichtweiten durch den feinen Regen oft unter 1 km. So marschiere ich etwas lustlos durch die matschigen Hügel. Gegen Mittag wird es deutlich matschiger. Und windiger. Und kälter. Aber der Poncho hält alles zuverlässig von mir ab.

13:00 Was ich vorhin als matschig bezeichnet habe, war eigentlich trocken. Matschig wird es jetzt! Und weiter viel bergauf und wenig bergab und keine wirkliche Aussicht auf die umgebende Landschaft. Ich fluche leise vor mich hin.

14:00 Es wird steiler. Und kälter. Und windiger. Und matschiger! Richtig matschig! Ich fluche laut. So laut, daß die Schafe um mich herum verschreckt das weite suchen. Zeit für eine kleine Pause, ein paar Schokoriegel, eine Zigarette, und schon geht es weiter. – In die falsche Richtung! *grmpf*

Ich habe nicht die geringste Ahnung, warum ich mit einer unglaublichen Selbstverständlichkeit den falschen Weg nehme. Zumindest mein Unterbewußtsein muß den Fehler aber mitbekommen haben, denn nach ein paar hundert Metern meldet es sich sehr deutlich. Blick in die Karte – hmmmm … zurücklaufen? Nein. Ich habe Glück. Beide Wege treffen sich nach etwa zwei Kilometern wieder. Uff. Ich werde dadurch etwas mehr Strecke, dafür etwas weniger Höhenmeter haben, weil ich den Manquhill Hill umgehe, statt ihn zu überqueren. Paßt schon.

15:00 Welcher Vollidiot hat diesen Berg hier mitten auf den Weg gesetzt? Bis auf 580 Meter schleppe ich mich und den Rucksack nach oben auf den Benbrack, durch Matsch natürlich. Und was für ein Matsch! Immerhin, die lieben Wünsche von NeepShed aus dem Schottlandforum scheinen zu wirken, denn der Wind bläst tatsächlich von hinten!

Das Gipfelphoto mache ich wetterbedingt schon auf 450 Meter, denn da ist die Wolkenuntergrenze. Oben am Gipfel selbst liegt alles im Nebel, zumindest das Gipfelkunstwerk ist zu sehen, „The Striding Arch“ – ein gewaltiger steinerner Bogen. Wirkt zwar irgendwie etwas deplaziert, aber man freut sich hier oben über jeden Scheiß!

Apropos Scheiß: Gibt es einen Markt für Schafscheiße? Falls ja: Hier liegen Millionenwerte auf dem Boden herum!

Meine Hoffnung, daß es jetzt vielleicht etwas einfacher werden könnte, schwindet innerhalb von Minuten. Ab jetzt wird es nämlich matschig! Und zwar so dermaßen matschig, daß ich jedem Wanderer dringend empfehle, einen Schnorchel mit in die Ausrüstung zu packen! Angesichts dieser Übermacht kapitulieren irgendwann auch meine Wanderschuhe gegenüber dem Wasser. Spätestens, als mir die Brühe von oben in die (hohen!) Stiefel reinläuft! Was ich jetzt und für die nächsten 6 km verbal von mir gebe, sprengt alles. Ich erschrecke regelrecht vor mir selber.

17:00 Ich biege erneut auf einen „falschen“ Weg ab, dieses Mal aber mit voller Absicht: Der Orkan „Frank“ hat hier viel Windwurf fabriziert, und der eigentliche Weg bzw. Pfad ist erkennbar von einigen umgefallenen Bäumen blockiert. Die alle zu umgehen, zu überklettern oder zu unterkriechen wäre mit dem Rucksack mehr als mühselig. Ich habe wieder Glück: Die Karte zeigt einen nahezu parallel verlaufenden Forstweg, der ebenfalls zum Ziel führen wird.

Und dann, kurz vor 18:00 bin ich am Ziel. Die Schutzhütte ist leer, nicht gerade schön, muffig und dreckig. Kein Kamin. Was solls, immerhin muß ich das Zelt nicht aufbauen und die Frischwasserversorgung ist durch den vorbeifließenden Bach auch gesichert. Ich wechsle erst einmal Socken und Shirts und braue topfweise heißen Tee. Und komme (wieder einmal) zu der Einsicht, daß Tagesstrecken von 28 km plus 850 Höhenmeter mit schwerem Gepäck in diesem Gelände bei diesen Wetterbedingungen einfach Mist sind. Doppelmist!

Mann, bin ich fertig !!!


9. Tag – 7. Etappe

02. Mai 2016 – von Polskeoch nach Sanquhar

 

volle Distanz: 15.91 km
Gesamtanstieg: 297 m
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Heute nur ein wüster Fluch … und das ganz am Anfang, dafür aber umso kräftiger …

Eine Weile nach mir traf gestern Abend auch David aka Mr. Porridge im Polskeoch Bothy ein. Wir haben wirklich in etwa den gleichen Rhythmus und das gleiche Etappenkonzept! Allerdings waren wir gestern auch ziemlich gleich geschafft und leider auch beide viel zu müde, um noch eine große Unterhaltung zu führen.

09:30 Ich bin wach, ich bin wach, ich bin wach !!! Hab bis jetzt voll durchgeschlafen. Obwohl heute „nur“ 16 km auf dem Programm stehen, sollte ich doch so langsam mal … OK! David, der eigentlich spätestens um 08:00 aufbrechen wollte (er hatte sich in den Kopf gesetzt, heute bis Wanlockhead durchzulaufen) schnarcht immer noch. Nach der üblichen gemütlichen Routine brechen wir um 10:45 auf.

10:55 Schon nach ein paar hundert Metern stellt sich uns ein heikles Hindernis in den Weg: Der durchgehende Regen von gestern hat seine Auswirkungen auf die Bäche in der Gegend. Und die Furt durch den Polvaddoch Burn, durch die der Weg führt, ist völlig unpassierbar. Das kleine Bächlein hat sich über Nacht zu einem kleinen Fluß gewandelt, der in vollem Schuß über den Weg rauscht. Ein Blick auf die Karte – Mist! Es ist keine wirklich sinnvolle Alternative vorhanden. Zumindest keine kleinräumige. Durchwaten verbietet sich bei der reißenden Strömung auch. Ein kleines Stück unterhalb der Furt liegt ein Baum zumindest halb über dem Fluß, an dem sich ein anderer angeschwemmter Stamm verkeilt hat. Die beiden zusammen könnten … evtl. … irgendwie … hm … aber ganz trocken wird es nicht abgehen. OK, ich versuche es. Und es klappt. Fast. Zwischen dem letzten Stück Baum und dem Ufer klafft eine Lücke, in die ich mutig einen Schritt wagen muß. Ich weiß nur nicht, ob das Wasser an der Stelle 5 oder 30 cm tief ist.

Sekunden später die Erkenntnis: Es waren 40 cm !!! Ich stehe mit dem rechten Fuß bis zum Schienbein im eiskalten Wasser.

FLUCH !!!!!!!!!!!!

Mr. Porridge (immer noch auf der falschen Seite des Flüßchens) überlegt. Nicht, ob er es auch wagen soll, denn das ist nahezu alternativlos, sondern ob er lieber mit einem vollgelaufenen rechten oder linken Stiefel weiterlaufen will. Er entscheidet sich für den linken, und damit ist das Universum wieder im Gleichgewicht! Viel zu spät fällt mir auf, daß ich von der ganzen Aktion nicht ein einziges Bild gemacht hab. Mist!

Es geht leicht bergab, vorbei an zwei abgelegenen Bauernhöfen und dann endlich wieder weg vom Fahrweg hinauf in die Hügel. Das Tal bleibt mein Begleiter, während ich mich Stück für Stück die linke Flanke hinauf arbeite und die Ausblicke immer spektakulärer werden. Eine unbeschreibliche Weite ist das, die mich hier umgibt, mit wahrlich spektakulären Aussichten hinunter in den Glen Scaur, wo der Fluss immer kleiner und kleiner wird. In der Ferne, kurz bevor ich die obere Talkante erreiche, ist der Durchbruch zu sehen, den dieses kleine, unscheinbare Flüßchen zwischen dem Glenwhargen Craig und dem Glenmanna Rig tief in die Landschaft gegraben hat. Fast ein Gefühl von Glen Coe!

Es geht weiter bergauf und bergab, immer oben auf dem breiten Kamm, der Start- und Zieltal trennt bis hinauf zum Cloud Hill. Bei bestem Wetter im übrigen, wenn man die gelegentlichen kurzen (und auch nur ganz leichten) Regenschauer mal außer Acht läßt. Keine Veranlassung für erweiterten Regenschutz heute! (Über den feuchtigkeitsbedingten Zustand meiner Stiefel reden wir hier jetzt besser nicht, vor allem, was den rechten betrifft … *leisefluch*) Für derlei dumme Gedanken hab ich auch gar keine Zeit.

Landschaft pur, ein paar Schafe und viele Lämmer und ab und zu verschreckt aufflatternde Moorhühner. So schön und wild und … einfach traumhaft!

Bergab hinunter nach Sanquhar, schon 6 km vorher voll im Blick. Immer noch matschig und deshalb auch anstrengend. Aber auch immer noch wunderschön!

15:50 Ankunft am Quartier, dem Glendyne Hotel. 25 £ für ein Einzelzimmer inkl. Full Scottish Breakfast – da greif ich doch gerne zu! Vorher noch kurz die Ruine von Sanquhar Castle besucht und (unerlaubterweise) von innen besichtigt. Dusche, Schuhe trocknen, überhaupt den ganzen Rucksack und Inhalt mal etwas auslüften, das übliche halt.

17:30 Belohnungsbier im hauseigenen Schmuddelpub. Sehr gemütlich, aber es bleibt bei einem Pint, denn:

18:30 Abendessen im einzigen Restaurant des Ortes. Keine Orgie, aber den Chocolate Fudge Cake with cream and wild berries mußte ich mir nach der geschmorten Lammhaxe schon noch gönnen … 😉

20:00 zurück im Schmuddelpub – zum Kartenstudium natürlich! Und, wenn ich schon mal da bin …nebenbei noch zwei Pints 😉

Morgen geht es zum höchstgelegenen Dorf Schottlands! (An die Höhenmeter bis dahin will ich noch gar nicht denken …)


10. Tag – 8. Etappe

03. Mai 2016: Von Sanquhar nach Leadhills

 

volle Distanz: 19.41 km
Gesamtanstieg: 766 m
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Klamottenwechselwetter und ein unvorhergesehener Umweg.

08:20 Frühstück. Das volle Programm! Und ganz besonders lecker. Danach hab ich noch etwas zu tun, um die Ausrüstung fit zu halten, d.h.: Ich spendiere meinen Wanderstiefeln, die über Nacht mit Zeitungspapier ausgestopft waren, eine neue Wachsbehandlung. War kein Luxus, wie ich schon gestern bemerkt habe …

10:00 Abmarsch und gleich wieder den Berg hinauf. Nach 20 Minuten: Stop! Viel zu warm für mein Klamottenkonzept! Also dünne ich die Schichten etwas aus. Und genieße nebenbei den herrlichen Panoramablick zurück über Sanquhar. Und schon geht’s munter weiter bergauf durch ausgedehnte Schafweiden und durch eine Rinderweide mit einer Herde Jungbullen. Die sind zwar nicht aggressiv, aber unglaublich neugierig und durchaus aufdringlich. Was bei meiner durch Rucksack und Bodenbeschaffenheit deutlich eingeschränkten Mobilität mehr als unangenehm ist. NEIN Jungs, ich bin NICHT Euer neuer Spielkamerad!“ So was lästiges aber auch! Als ich die Weide über den nächsten Stile verlasse, muht man mir geradezu entrüstet hinterher. Jaja, Ihr hattet Euren Spaß, aber – sorry, ich muß jetzt weiter!

Ein saftiger Aufstieg fordert ganz ordentlich die Kräfte, oben am Paß auf 415 m pfeift der Wind und schon geht es wieder steil bergab. Viel zu weit nach unten, bis auf 300 m hinunter nach Cogshead. Danach steht der Glengaber Hill mit 480 m auf dem Programm. Das bedeutet, jeder Meter bergab muß später wieder neu erarbeitet werden. Mist!

Ein paar Minuten später ist dann doch alles ganz anders: Ein Schild bittet alle Wanderer, auf die Überschreitung des Glengaber Hill zu verzichten und stattdessen die Umleitung über den Forstweg zu nehmen. Grund: Lambing in Progress.

Also gut, lassen wir den Schäfchen und ihrem Nachwuchs ihre Ruhe und nehmen wir halt die Umleitung. Blick auf die Karte, kurze Überschlagsrechnung, … verdammt, das sind handfeste 5 km Umweg! OK, OK, ist ja für einen guten Zweck …

Also weiter im ständigen bergauf und bergab, mal durch offenes Moorland, mal durch Wald und so langsam wird mir klar, daß mich dieser Umweg von etwa 1,5 h einen eigentlich fest geplanten Programmpunkt kosten wird: Den Besuch des „Museum of Lead Mining“ und der dazugehörigen Bergwerksstollen in Wanlockhead. Schade, schade. Das wäre ein echtes Highlight gewesen. Was tut man nicht alles für die Schäfchen …

16:00 endlich in Wanlockhead. Schottlands höchstgelegenes Dorf. Wenigstens bekomme ich im durch- und vorbeigehen noch das eine oder andere Relikt aus der Zeit zu sehen, als hier noch im großen Stil Bleierz abgebaut und verhüttet wurde. Darunter auch die „Beam Engine“ mit der das eindringende Wasser aus dem Bergwerk gepumpt wurde. Die Stollenbesichtigung und den Museumsbesuch muß ich wohl leider auf einen zukünftigen Urlaub verschieben.

Also direkt weiter über den letzten Buckel und entlang der Glengonnar Railway, einer ehemaligen Schmalspur-Güterzugstrecke, auf der früher das Blei der Minen abtransportiert wurde. Heute im Museumsbetrieb. Und kurz vor 17:00 stehe ich vor meinem heutigen Quartier in Leadhills, dem Hopetoun Arms Hotel. Scotland’s highest residential Hotel!

Soll also keiner sagen, dieser Tag hätte an Höhepunkten gespart!


11. Tag – 9. Etappe

04. Mai 2016: von Leadhills nach Brattleburn

 

volle Distanz: 25.39 km
Gesamtanstieg: 940 m
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Grau in grau über die höchsten Berge und das bei Sturm.

08:00 Frühstück, 09:00 Abmarsch

Der Wetterdienst hat Sturm angesagt für die Hochlagen. Für die Radarstation auf dem Lowther Hill sind 50 km/h angesagt, in Böen bis 70 km/h. Und wo führt mich mein Weg heute direkt vorbei? Genau, an besagter Radarstation! Ich breche also auf mit dem unguten Gefühl, daß es heute zum wetterbedingten Abbruch kommen könnte. Die Möglichkeiten dafür sind allerdings … begrenzt. Immerhin stehen gute 25km in Verbindung mit über 800 Hm auf dem Programm, durch wildes Land mit nur einer Straße, die zu kreuzen ist – und da sind die Grenzen dann doch recht knapp gesetzt.

Kaum habe ich Leadhills verlassen, geht es auch schon los. Sturm von vorne, später von der Seite. Ich weiß wirklich nicht, was ekelhafter ist. Und es geht konstant nach oben, was die Sache auch nicht leichter macht, und auf der Straße, die zur Radarstation führt, liegen noch Schneereste. Dafür werde ich mit wahrhaftig atemberaubenden Ausblicken verwöhnt. Dramatische Landschaft rundum bei dramatischem Himmel!

11:00 Ich bin oben! Es bläst wie verrückt. Belohnungszigarette? No way! Das Feuerzeug dafür müßte erst einmal erfunden werden! Also erst mal wieder hinunter, steil und matschig und rutschig. Und wieder ein Stück hinauf, und wieder weiter hinunter, so geht es fast zwei Stunden durch den Sturm. Und durch nach wie vor atemberaubend schöne Landschaft. Rau! Wild! Zwar ganz anders als die Highlands, aber diesen in nichts nachstehend. Und es bleibt vollständig trocken! (Das hätte ja gerade noch gefehlt …). Der starke Wind scheint den Regen regelrecht weggeblasen zu haben.

13:00 Ich bin wieder unten. Was ich hier halt so „unten“ nenne. Der Wind ist gefühlt komplett weg, aber das ist wirklich ein rein subjektives Gefühl. Mein Feuerzeug ist da in der Bewertung deutlich objektiver! Der zweite lange Aufstieg steht noch bevor. Und nach nicht allzu langer Zeit kommt er auch. Ich bin etwas  unschlüssig, ob ich noch einmal hinauf will in diese Windhölle, die einem schier das Hirn aus dem Schädel bläst. Aber es bleibt weiter trocken und wenn ich vorhin schon auf 711 Meter war, dann kann ich auch noch mal auf 560 rauf. Oder? Klar! Ich gehe es also an und verfluchte mich schon bald selber. Aber abbrechen geht jetzt definitiv nicht mehr und letztendlich werde ich auch wieder mehr als reichlich belohnt. Und wie! Was für eine Welt hier oben! Unbeschreiblich! Es tut mir leid, mir fallen keine passenden Adjektive dazu ein. Ich stehe und gehe hier in einer Landschaft, die offensichtlich genau dieses Wetter braucht, um sich selber entfalten und genossen werden zu können. Anstrengend ist das für das kleine Menschlein, das sich hier herauf gewagt hat, um mittendrin zu sein. Meine eigenen Grenzen werden mir hier mehr als deutlich klar gemacht – und doch genieße ich diese Strecke mit allen Sinnen.

15:00 Der zweite große Aufstieg ist geschafft und ich will da jetzt runter! Sofort! Ich will, ich will, ich will!!! Also ab nach unten! Wie gehabt steil und matschig und rutschig und windig. Mein linkes Knie meldet sich. Nicht schlimm, aber spürbar. Also langsam, mit vollem Stockeinsatz. Zwischendurch mal wieder 100m rauf, dann wieder runter. Das letzte Stück zieht sich ganz schön hin.

16:00 das gröbste ist überstanden. Etwas Wald und die deutlich tiefere Lage machen den Wind jetzt erträglich. Aber noch sind es 6 km bis zum Tagesziel, dem Brattleburn Bothy. Ich denke an Mr. Porridge. Ob er die Strecke wohl auch angegangen ist? Seit gestern früh haben wir uns nicht mehr gesehen. Ich bin gespannt, ob ich ihn heute wieder treffen werde. Und insgeheim hoffe ich, daß das Bothy eine Feuerstelle hat und irgend etwas brennbares in der Nähe herumliegt …

17:00 Immer noch drei Kilometer. Und das Gelände wird nicht einfacher. Weiter steil bergab. Mein Knie meldet sich deutlicher. Die Sturmschäden durch den Orkan „Frank“ sind auch deutlich, oft ist der Pfad von umgestürzten Bäumen blockiert, was so manche (teilweise anstrengende) Umgehung nötig macht.

17:20 Brattleburn in Sicht! 1km Luftlinie, aber noch zwei Kilometer auf dem Pfad. Ich will nicht mehr! Knie meldet sich noch deutlicher, will auch nicht mehr. Abkürzen geht hier aber auch nicht, wie der Blick auf die Karte schnell klar werden läßt.

17:50 Ankunft am Bothy! Heilige Götter, bin ich froh! Und das Ding hat tatsächlich einen Kamin … und der qualmt !!! Und vor der Tür steht Mr. Porridge! Er hat schon angeheizt! Luxus pur! Was für ein Wiedersehen! Auch er war sich nicht sicher, ob ich heute noch hier aufschlagen würde.

18:00 erst mal Socken und Stiefel und Jacke und überhaupt alles zum Auslüften aufhängen, dann ab in die warmen Klamotten, ein bißle Tee brauen und dann gönnen wir uns beide erst mal einen Dram. Ja wirklich! Ich habe in dem kleinen Dorfladen in Leadhills nämlich eine 0,35 l Flasche Whisky erworben in offenbar weiser Voraussicht … 😉 ) Ehrlich verdient !!!

So, jetzt noch ein bißchen weiteres Holz sammeln und sägen und hacken, dann erst mal was essen, nochmal Tee, und noch einen Dram. Mr. Porridge bezeichnet mich angesichts der Einladung, die Flasche mit ihm zu teilen, als den genialsten Menschen der Welt. Er ist körperlich genauso fertig wie ich. Aber beide haben wir so ein seeliges Grinsen im Gesicht. Und jetzt, hier im mittlerweile geheizten Bothy sind die Mühen dieses Tages plötzlich alle vergessen, und so machen wir es uns gemeinsam mit den Bildern dieser Etappe vor Augen vor dem Kamin gemütlich. Lange. Sehr lange!

Morgen? Zum Over Phawhope Bothy? Das wäre eigentlich mein Plan. Aber was Strecke und Gelände angeht, in etwa wie heute. Mein Kopf sagt: Klar! Du schaffst das! Zwar mit Gewalt, aber …

Mein Knie will davon nichts hören.

Also wird die Entscheidung auf morgen verschoben. Sollen sich meine Organe doch streiten, während ich schlafe. Erst einmal hinunter ins Tal nach Moffat, das ist ca. die halbe Strecke, dann werde ich weitersehen.

Fazit: Kaum jemals habe ich einen derart heftigen aber auch so lohnenden Tag erlebt. Die Kombination aus Gelände und Sturm hat mich sehr nah an meine Grenzen gebracht. Körperlich bin ich fix und fertig, aber mein Herz macht wahre Luftsprünge.

Was für eine Welt! Und ich durfte mittendrin sein. Mit allen Sinnen erleben. Unbezahlbar !!!


12. Tag – 10. Etappe

05. Mai 2016: von Brattleburn nach Moffat

 

volle Distanz: 13.89 km
Gesamtanstieg: 251 m
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tatsächlich nur eine halbe Etappe

06:30 Ein dringendes Bedürfnis zwingt mich aus dem Schlafsack. Durch die Hütte zieht der verführerische Duft von Porridge … mein Wanderkollege David ist also auch schon wach. Und auch fast schon bereit zum Abmarsch. Er will unbedingt heute noch bis zum Over Phawhope Bothy kommen. Draußen ist alles grau und es regnet, wenn auch nur leicht. Alle umliegenden Hügel sind in den Wolken.

06:45 ich verkrieche mich noch einmal in meinen Schlafsack und studiere noch einmal die Karten und alle Optionen. Wenn ich heute tatsächlich die komplette Strecke gehen sollte, wird das wohl eine reine Wolken- und Nebelwanderung. Nicht sehr motivierend. Außerdem sagt mir die reine Vernunft, daß ich etwas langsamer tun sollte.

08:00 Die Entscheidung ist gefallen: Ich werde die halbe Etappe bis Moffat laufen und dort übernachten. Leider bedeutet das, daß ich gleich zwei ganze Etappen streichen muß. Es gibt schlicht und einfach keine Buslinie, die mich auf den Abschnitt zwischen Moffat und Innerleithen zurück bringen könnte. Dafür kann ich mir dann in Innerleithen einen ganzen Tag Zeit nehmen, um nichts zu tun. Oder z.B. ausgiebig Traquair House zu besichtigen. Auch nicht schlecht. So ein kompletter Ruhetag tut auch mal gut.

09:00 Nachdem heute Zeit im Überfluss vorhanden ist, nehme ich mir noch ausgiebig davon und brutzle ein kleines Frühstück: Gefriergetrocknetes Rührei mit Zwiebeln. Überraschend gut. Hätte ich echt nicht erwartet.

10:15 Abmarsch am Bothy. Der Poncho ist Pflicht bei dem Nieselregen. Erst mal wieder etwas hinauf und dann durch lichte Wäldchen immer weiter hinunter bis nach Beattock. Ausblicke gibt es – wie ich schon vermutet habe – wetterbedingt leider keine, dafür ist der Weg gut und angenehm begehbar und auch abwechslungsreich.

13:00 bei Beattock unterquere ich die Autobahn und die Bahnlinie, die beide nach Glasgow führen und biege auf den Annandale Way ab, der mich die letzten paar km über Wiesen und entlang alter Steinmauern durch unzählige Schafherden hindurch bis hinein nach Moffat führt.

15:00 am neu gewählten Tagesziel! Erst mal eine günstige Unterkunft suchen. Das erste B&B kann mich zwar selber nicht aufnehmen, aber der Inhaber telefoniert kurz mit einem Kollegen und macht die Sache für mich klar. Und er läßt es sich nicht nehmen, mich höchstpersönlich dort hin zu begleiten. Das ist Gastfreundschaft! Erst einmal ab unter die Dusche und dann auf zu einem kleinen Spaziergang durch das Örtchen. Kurz in den Coop (Sandwiches und Schokoriegel), und nach dem verspeisen derselben auf ein Pint in einen der zahlreichen Pubs. Busverbindungen nach Innerleithen checken (mein Gott, ist das umständlich, es gibt keine direkte Linie dorthin!)

19:00 Tagesangebot im Annandale Hotel Pub: Gegrilltes Steak mit allen Beilagen für 12 £! Da schlage ich doch gerne zu und gönne mir auch noch den Cranachan zum Dessert. Extrem lecker! Warum bin ich bloß noch nie auf die Idee gekommen, diese liebgewonnene Köstlichkeit daheim zu machen? Das wird sich ändern! 😉

Morgen gibt’s einen gemütlichen Reisetag. Einmal kreuz und quer durch Südschottland, nur um 30 km weiter zu kommen …


13. Tag – keine Etappe

06. Mai 2016: mit dem Bus von Moffat nach Innerleithen

ein Tag ohne großartige Ereignisse

08:30 Frühstück im B&B „N°29“ in Moffat. Um von hier nach Innerleithen zu kommen, bedarf es entweder einiger Umstiege (3x oder 4x) oder man macht die lächerliche Strecke von gerade einmal 30 km mit 1x umsteigen – in Edinburgh. Ich entscheide mich genau dafür. Das macht die Geschichte deutlich streßfreier. Und teurer ist es auch nicht. Und viel zeitaufwendiger auch nicht. Also:

09:52 Abfahrt in Moffat

12:05 Ankunft in Edinburgh. Völlig ungewohnt und ja auch völlig ungeplant, daß ich schon wieder hier bin – und eigentlich auch fast schon wieder weg. Was absolut kein Fehler ist, denn diese Masse an Menschen erschlägt mich fast. Aber nachdem ich schon mal da bin, nutze ich die Gelegenheit für einen technisch angebrachten Besuch beim Uhrmacher und gönne mir anschließend am St. Andrew Square noch einen kleinen Mittagssnack und ein Pint.

13:35 Abfahrt in Edinburgh

15:05 Ankunft in Innerleithen! Schon wieder viel mehr nach meinem Geschmack. Klein, beschaulich, gemütlich und um diese Jahreszeit von den großen Touristenströmen noch völlig unangetastet. Für morgen hab ich hier schon vor Monaten ein Zimmer reserviert im B&B „The old Townhall“. Das Zimmer ist aber auch heute frei und die Wirtin war gestern am Telephon sichtlich erfreut, daß ich nun schon einen Tag früher ankommen und dafür zwei Tage bei ihr bleiben werde.

Ich selber freue mich auch. Gestern hab ich schon etwas daran geknabbert, zwei volle Etappen streichen zu müssen. Heute sehe ich das viel realistischer. Die ursprüngliche Planung war etwas zu ambitioniert, und mein Körper (vertreten durch mein linkes Knie) hat mich da auch ganz unmissverständlich darauf aufmerksam gemacht.

Apropos Knie: Scheint alles in Ordnung zu sein. Schon gestern beim gemütlichen Abstieg nach Moffat. Richtige Schmerzen waren es nie, aber ein mehr als deutliches Signal der Überanstrengung. Ich vermute, ich bin die Abstiege vorgestern entgegen aller Vernunft einfach zu schnell und unüberlegt angegangen. Da vervielfacht sich die Belastung dann ganz schnell.

So, morgen ist also komplett frei, ich werde mal das Wetter abwarten und dann, wenn’s paßt, einen Tag von wandern auf spazierengehen umschalten. Traquair House (inkl. der kleinen hauseigenen Brauerei ! 😉 ) wäre schon eine nette Sache, und es sind ja nur zwei km bis dahin. Und jetzt … es ist 18:00 … erst mal essen gehen !!!


14. Tag – keine Etappe

07. Mai 2016: von Innerleithen nach Traquair und zurück

 

volle Distanz: 7.07 km
Gesamtanstieg: 92 m
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Etwas Kultur und Geschichte … und schottisches Bockbier !

09:00 Frühstück im B&B. Ja, wirklich erst um neun Uhr. Denn heute ist ja mein „freier“ Tag! Dafür umso reichhaltiger! Bis um 10:00 schlemme ich mich durch das volle Angebot. Ich habe anschließend das Gefühl, nie wieder etwas essen zu müssen …

10:30 Aufbruch zu einem ganz gemütlichen Spaziergang. Über den River Tweed hinüber nach Traquair House. Unterhalb der Brücke steht ein Angler im Fluß und versucht sich im Fliegenfischen. Ich schaue im ewig lange zu. Das scheint wirklich die Königsdisziplin im Angelsport zu sein. Schon was anderes, als Würmer baden … 😉

Traquair House kenne ich eigentlich schon, zwei mal war ich schon dort und heute will ich mir einmal richtig Zeit dafür nehmen. Allerdings bleibt mir das Innere des ältesten bewohnten Gebäudes von Schottland leider auch heute verborgen … „maintenance works, we apologize“ …

Schade. Aber ich verstehe es ja auch. In ein oder zwei Wochen geht hier die Tourismussaison so richtig los, dann sollte halt alles voll in Schuss sein, gar keine Frage. Dafür mache ich einen mehr als ausgiebigen Spaziergang durch die Gardens & Grounds, was wirklich mehr als lohnend ist. Hier hat sich seit meinem letzten Besuch vor ein paar Jahren doch einiges verändert. Und dabei lerne ich unter anderem Wanda kennen, ein neuseeländisches Schwein! Sehr anhänglich und sympathisch! Und allerlei Federvieh im unterschiedlichsten Gewand.

Und – natürlich das allerwichtigste in Traquair: Ich irre (wieder einmal) durch das großartige Heckenlabyrinth! Was für ein Spaß! Auch wenn man es schon kennt, es ist immer wieder einen Besuch wert!

So, und nun noch kurz in den Giftshop (ich muß ja traditionell noch ein T-Shirt kaufen, wie bei ausnahmslos jedem Schottlandurlaub), und dann ab in die kleine Brauerei und das dazugehörige Museum. Ein Erlebnis für jeden Bierliebhaber!

Und nun zum Schluß, nach einem Rundgang durch den „Walled Garden“ nichts wie rein in den Tearoom, wo ich mir allerdings statt Tee das dort in drei Sorten erhältliche flüssige Produkt der Brauerei genehmige!

Drei Sorten heißt: Eine „leichte“ mit 5%, eine schwere mit 7% und zur Krönung die mit einer Prise Koriander gewürzte Sorte „Jacobite“ mit 8% ! Auch das ist ein wahres und unverzichtbares Erlebnis für jeden Bierliebhaber! Köstlich! Aus gutem Grund belasse ich es bei jeweils einem Halfpint …

Und nun wieder ganz gemütlich zurück nach Innerleithen. Zeitung lesen, Postkarten schreiben, …

18:00 Im Ronan’s Pub. Entgegen meinem Gefühl nach dem Frühstück kommt jetzt doch etwas Hunger auf.

18:30 Durch die Tür kommt Mr. Porridge! Cool !!! Ich hätte nicht gedacht, daß wir uns noch einmal wiedersehen. Begierig frage ich ihn über die zwei Abschnitte aus, die ich selber verpaßt habe. Eindeutiges Ergebnis: I’ll be back!!! Die muß ich unbedingt noch machen! Und das Museum und die Mine in Wanlockhead fehlen mir ja auch noch! Die Southern Uplands sehen mich also ganz sicher wieder!

Und so wird der Abend wieder einmal sehr lang, denn es ist definitiv „unser“ letzter. Von hier ab trennen sich nun endgültig unsere Wege. David wird dem Southern-Upland-Way weiter folgen, wogegen ich von hier aus nach Norden abbiegen werde, um über Peebles und Carlops nach Edinburgh zu marschieren. Deshalb, und weil morgen für mich eh nur 12 km geplant sind bis Peebles … another pint please!


15. Tag – 13. Etappe

08. Mai 2016: von Innerleithen nach Peebles

 

volle Distanz: 11.59 km
Gesamtanstieg: 135 m
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Was für ein Tag! Der Frühling schlägt Purzelbäume !!!

09:00 Frühstück. Heute in der leicht reduzierten Version, um die ich meine Gastgeberin gestern Abend noch gebeten habe, denn … ein voller Bauch marschiert nicht gern … ach ja, das war ja schon einmal das Thema … 😉

Also: Nur eine Bratwurst, nur eine Portion Haggis, nur ein Spiegelei, nur eine Scheibe Bacon, nur einen Tattie Scone, nur ein(e) … etc. Wie ich es gestern geschafft habe, von allem die doppelte Menge zu verputzen, bleibt mir völlig rätselhaft, denn vor mir türmt sich immer noch ein ganzer Berg herrlich ungesunder aber dafür umso leckerer Köstlichkeiten … 😉

10:15 Abschied von meiner Wirtin, die ich in den zwei Tagen richtig liebgewonnen habe – und sie mich wohl auch. Jede Einzelheit meiner vergangenen Wanderungen in Schottland mußte ich ihr erzählen, und nun zum Abschied bekomme ich von ihr noch den Titel „McMarkus, a true Scot !“ verliehen! Was bin ich stolz! 🙂

Abschied nun auch von Innerleithen. Aufbruch zur 13. Etappe. Die mit tatsächlich nur lächerlichen 12 geplanten Kilometern bis Peebles auch sehr kurz ausfällt. Gerade recht, um mich wieder warmzulaufen für die noch folgenden zwei Etappen! Das MetOffice hat blauen Himmel vorausgesagt, bei einer Niederschlagswahrscheinlichkeit von 2% und Temperaturen von 21°C! Und, was ist? Genau das!

Der Frühling schlägt wahre Purzelbäume hier im Tweed-Valley! Und ich schwitze wie ein Bär! Puh! Und das, obwohl ich nur im T-Shirt unterwegs bin. So geht es auf einer zu einem Fahrrad- und Wanderweg umgebauten ehemaligen Bahnlinie immer entlang des River Tweed (der das Tagesmotto bestimmen wird) durch dessen schönes Tal Richtung Peebles. Ich lasse mir alle Zeit der Welt, vor allem, als der Weg einen Golfplatz kreuzt und drei Spieler gerade am Green ihre Bälle einlochen. Mein Interesse bleibt nicht unbemerkt und ich werde spontan eingeladen, es doch auch mal zu probieren!

Wie? Einfach so, und hier und jetzt? Tatsächlich! Cool!

Ich hab nicht die geringste Ahnung von Golf, aber diese Einladung lasse ich mir natürlich nicht entgehen. Der Rucksack fällt ins Gras und ich bekomme meine erste Lektion im Golfen! Und ich schlage mich vergleichsweise wacker. Die drei hatten mit mir aber wohl auch ihren Spaß. Nachdem der letzte Ball (heißt: meiner) im Loch ist, gibt’s noch einen Dram aus dem Flachmann! Ich muß gestehen, so gefällt mir das! Coole Sache und hier in SCO so völlig locker und zwanglos. Wenn ich mir vorstelle, was daheim bei uns passieren würde, wenn da so ein unrasierter Kerl mit Trekkingrucksack über den Golfplatz gelatscht käme … achgottachgottachgott! Mittlerweile ist mir aber auch klar, warum hier auf dem Fahrradweg nahezu ausschließlich Mütter mit ihren Kindern unterwegs sind. Klar, die Väter sind mit ihren Kumpels (und Flachmann) beim Golfen!

13:50 Peebles! Nettes Städtchen! Gefällt mir! Schon mein Einmarsch vorbei an der kleinen Brücke ist großartig! Erst mal zu meiner Luxusherberge, dem Park Hotel! Ja, wirklich! Ich geruhe, hier in diesem Nobelschuppen zu residieren! Und ich habe wirklich keine Ahnung, wie ich es geschafft habe, hier ein Zimmer für 25 £ zu buchen, das kostet nämlich eigentlich ein vielfaches! (Ich vermute einen groben Fehler bei der Preiseingabe im Buchungsportal und eine gehörige Portion Glück meinerseits, gerade zur richtigen Zeit auf gerade dieses Angebot gestoßen zu sein.) Wie auch immer … deal is deal … und so beziehe ich ohne das geringste schlechte Gewissen meine großzügigen Räumlichkeiten … 😉

15:00 nach etwas Pflege der Ausrüstung auf in’s Städtle! Einfach nur umschauen und das Traumwetter genießen. Im T-Shirt! Wenn ich da so an die Tage mit Schnee oder Sturm zurück denke … Wahnsinn! Ich teste die örtliche Gastronomie auf Herz und Nieren (wobei ich da besonders die panierten Lammnierchen im „The Crown“ lobend erwähnen muß!) und nun geht es – nach einem Betthupferl-Pint in der Hotelbar – ab in die Kiste! Denn: Morgen stehen wieder über 25 km auf dem Plan und auch so einiges an Höhenmetern. Wetter soll wie heute sein, aber etwas kühler, so um die 17 Grad. Hey! Meine Lieblingstemperatur !!!


16. Tag – 14. Etappe

09. Mai 2016: von Peebles nach Carlops

 

volle Distanz: 24.95 km
Gesamtanstieg: 604 m
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auf alten Pfaden durch den Frühling!

08:20 Ich habe den Haken am Park Hotel entdeckt: Es gibt kein schottisches Frühstück! Also gut, dann halt continental … gut und vielfältig und reichhaltig, aber irgendwie fehlt mir was. Wie man sich doch daran gewöhnt! (Aber für den Preis will ich ja wirklich nicht maulen … 😉 )

09:00 Aufbruch zu einem weiteren strammen Tagesmarsch. Aber dieses mal bei wahrem Bilderbuchwetter! Der Himmel strahlt in den schottischen Nationalfarben und das bei unter 20 Grad, was die anstehenden 26 km schon im voraus deutlich angenehmer erscheinen läßt, als das, was ich zum Teil hinter mir habe.

Ich kann es kaum erwarten, aus der Stadt hinaus zu kommen und wieder in die Hügel – meine Hügel – einzutauchen, die mir in den letzten zwei Wochen so vertraut geworden sind. Zwei Wochen lang hab ich nichts anderes gesehen als Hügel und Täler und Bäche und Seen … und Schafe. Von mir aus könnte das ewig so weitergehen …

Der erste Hügel holt mich direkt an der Stadtgrenze ein bißle in die Realität zurück – *schnauf* … *schwitz* … runter mit der Jacke! Und dann der zweite und dann der dritte Hügel, den ich aber schon kaum noch als anstrengend wahrnehme. Ich bin also nach der morgentlichen Starteuphorie wieder in meinem Tempo und Rhythmus angekommen. Ja, jetzt kann’s wieder ewig so weitergehen! Und was das alles wieder für wunderbare neue Eindrücke sind! Ein Traum im Sonnenlicht! Auf und ab geht es durch Weiden, Moorland, kleine und größere und lichte und dichte Wäldchen und durch Täler und über Bäche. Glücksgefühle pur!

13:40 West Linton in Sicht!

14:30 Unten an der leider unvermeidbaren Straße, die mich das letzte Stück nach West Linton führen wird. Langweilig. Bretteben. Und die Asphaltwanderei ist auch nicht gerade inspirierend, dafür aber anstrengend. Jeder Schritt gleich. Meine Füße beginnen etwas zu schmerzen.

15:10 West Linton. Man merkt, man ist hier eindeutig im Speckgürtel von Edinburgh angekommen. Alles etwas spießig und unnatürlich. Noch gute fünf km bis zu meinem Tagesziel Carlops. Hmmm? Sollte … könnte … dürfte ich … hier vielleicht für einen kurzen Zwischenstop auf ein Pint in das örtliche Pub? Während ich noch nachdenke, schreit es aus meinen Schuhen laut und unüberhörbar: „JA, JA, JA !!!“ Also gut, meine lieben Füße, aber nur wegen Euch! Ich hätte der Versuchung ja tapfer widerstanden! Ehrlich! Ey, ich schwör!

15:45 Nach der kleinen Stärkung für mich und der wohlverdienten Pause für meine Füße auf zum letzten Stück für heute. Die letzten 90 Hm wollen erklommen sein und es geht hinauf auf einen wunderschönen Höhenrücken und oben schön eben (naja, fast, aber nicht der Rede wert) hinüber nach Carlops, „The dark Village“. Den Beinamen hat mir ein Einheimischer im Pub in West Linton verraten. Der Grund ist ganz einfach: Es gibt in Carlops keine Straßenbeleuchtung! Nicht eine einzige Lampe! Und das, obwohl die reichlich stark befahrene Straße nach Edinburgh hindurchführt!

17:00 am Ziel! Einchecken im örtlichen Gasthof „The Allan Ramsey“. Kurz mal etwas kultivieren und schon bin ich wieder unten im Pub, um mich mit vollem Einsatz der Speisekarte zu widmen …

Anstrengend? Ja, und wie! Lohnend? Ja, noch viel mehr! Ein echter Traumtag!!!

Den Blick auf die vor mir sich aufbauenden Berge der Pentland Hills, die morgen zu erklimmen und zu überqueren sind, vermeide ich heute Abend ganz bewußt … 😉


17. Tag – 15. Etappe

10. Mai 2016: von Carlops nach Edinburgh

 

volle Distanz: 18.36 km
Gesamtanstieg: 799 m
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Uff ! Boah, bin ich fertig! Aber so was von glücklich! Ein perfekter Tag!

Allerdings: Sollte jemals einer von Euren Freunden behaupten, es wäre eine ganz tolle Idee. die komplette Durch- und Überquerung der Pentland Hills mit einem Trekkingrucksack zu machen, dann glaubt ihm kein einziges Wort! Und sollte er meinen, man sollte zusätzlich am Schluß dieser (Tor-)Tour unbedingt auch noch auf den Allermuir Hill hinauf, dann schickt ihn in die ewige Verdammnis! Er hat es verdient! Solltet Ihr Euch allerdings entscheiden, diesen Wahnsinn trotzdem durchzuziehen – dann werdet Ihr reich belohnt werden! Mir jedenfalls würde jeder einzelne Meter dieses vierfachen Gipfelsturms fehlen!!

07:00 Ich bin wach und werfe einen Blick aus dem Fenster – Schock! Alles grau und trüb! Carlops liegt im Nebel. Oh nein! Nicht heute! Umdrehen, nochmal eine Runde schnarchen.

08:00 Ich bin wieder wach. Und draußen ist immer noch Nebel! Das kann und darf doch nicht sein. Also bleibt mir nur, trotzden aufzustehen und auf Besserung zu hoffen.

08:30 Frühstück. Und immer noch Nebel. Aber von oben strahlt es ganz hell durch, Hoffnung keimt auf. Ich ziehe das Frühstück bewußt in die Länge …

09:40 Abmarsch in Carlops bei strahlend blauem Himmel und Sonne satt ! Uff !! Cool !!!

Die letzte Etappe meiner Wanderung steht an. Und es verspricht ein ganz besonderer Tag zu werden. Die ersten paar km geht’s auf einem kleinen aspaltierten Weg von Farm zu Farm entlang von Steinmauern und tausenden von Osterglocken bis zum Nine Mile Burn. Ab hier wird es ernst, jetzt kann ich die Kalorien vom Frühstück wirklich gut gebrauchen …

10:20 Der erste Aufstieg über die vertrauten Schafweiden und über den Monk’s Rig immer bergauf bis zum Cap Law. Bisher noch bei mittleren Steigungen die die Kräfte nur mäßig fordern. Doch das wird sich gleich ändern.

11:08 Cap Law! Und noch halbwegs fit. Noch. Wieder ein Stück hinunter, durch den Sattel, und da türmt er sich vor mir auf, der West Kip! Ein Berg von einem Berg. Zumindest in meiner Wahrnehmung. Es ist nicht weit bis zum Gipfel (weder horizontal noch vertikal), aber die Steigung dürfte knapp an die 100% heranreichen. Es ist mehr wie Treppensteigen als gehen hier an diesem steilen Hang – nur gibt es hier keine Treppe! Also, kleine Schritte, die Lekis sind im Volleinsatz. *schwitz* *schnauf* Eines ist todsicher: Bergsteiger werde ich nie! Nicht in diesem Leben. Dazu wird es hier oben deutlich windiger, was mich zwingt, die Jacke zu schließen.

11:38 nach einer endlos erscheinenden halben Stunde stehe ich auf dem Gipfel des West Kip. Was für eine Aussicht hier oben! Leider ist es etwas diesig, was großartige Fernsichten ausschließt, aber für mich ist das hier völlig genug! Ein Hammer von einer Landschaft! Der Wind zwingt mich weiter. Also wieder etwas hinunter, über den Sattel und wieder hinauf zum nächsten Gipfel.

11:53 East Kip! Etwas niedriger als der vorherige und auch der nächste Gipfel. Wieder neue großartige Ausblicke über die Pentlands und Lothian. Traumhaft! Weiter zur höhenmäßigen Krönung dieser Etappe. Also: Wieder ein Stück hinunter, über den nächsten Sattel und dann einen langen aber nicht so furchtbar steilen Schotterpfad hinauf zum höchsten Gipfel der Pentland Hills (klar, mit weniger konnte ich Trottel mich ja nicht zufrieden geben … )

12:26 Scald Law !!! Uff ! Ich bin ganz schön geschafft. Tief unter mir im Tal blinken die Stauseen der Pentlands wie kleine Pfützen. Und mir wird klar: Ja, da mußt Du erst mal wieder hinunter. Ganz hinunter! Ich gehe den steilen Abstieg in aller Ruhe an. Nur keine Fehltritte und Überbelastungen irgendwelcher Gelenke, gell! (Kennen wir ja, das Thema …)

Unterwegs begegnen mir immer wieder ein paar andere Wanderer mit kleinen Tagesrucksäcken (oder auch ganz ohne), die mich bzw. eher das 65-Liter-Monster auf meinem Rücken verwundert begutachten. Ich glaube auch nicht, daß hier oben viele mit schwerem Gepäck unterwegs sind. Eher gar keiner! Welcher auch nur halbwegs vernünftige Mensch käme auch auf so eine bescheuerte Idee??? (Äh, Moment … *grmpf*)

13:04 Am Loganlea Reservoir. Alle meine mühsam erarbeiteten Höhenmeter sind wieder abgebaut. Dafür geht’s jetzt endlich mal eben weiter, immer entlang des kleinen Stausees bis zum Glencorse Reservoir. Dann an diesem entlang bis der Punkt der Entscheidung erreicht ist:

14:05 Jetzt kommt der Moment der Wahrheit. Hier am Nordufer dieses schönen Sees umgeben von noch schöneren Bergen muß ich mich zwischen zwei Möglichkeiten entscheiden:

  1. Von hier nahezu eben weiter bis zum etwa zwei Kilometer entfernten Flotterstone Inn um dort die Tour zu beenden, oder
  2. Noch einmal hinauf. Ganz hinauf! Auf den Allermuir Hill! Für die finale Aussicht, den ultimativen Abschlußkick: Den Panoramablick über ganz Edinburgh!

Ehrlich gesagt, ich bin ziemlich geschafft und wirklich nicht übermäßig motiviert, aber … ich würde es mir auch nie verzeihen, wenn ich hier und jetzt vor der allerletzten Herausforderung kneifen würde. Niemals! Also rauf da! Und, wie ja allgemein bekannt ist:

What’s the most important reason to climb a mountain? Because it’s there !!!

Also ab nach oben. Erst flach, dann steiler, zwischendurch höllisch matschig aber auch hier bereits beim Aufstieg wieder ein Traum in grün und gelb und braun und überwölbt von strahlendem Blau! Wahnsinn! Niemals würde ich darauf verzichten wollen! (Meinen Füßen habe ich bis auf weiteres Redeverbot erteilt …)

Mein Tempo ist deutlich gesunken, die Pausen werden häufiger und so erreiche ich nach einem letzten steilen und heftigen Aufstieg mein lange geplantes Endziel der ganzen Wanderung:

15:22 Allermuir Hill !!!

Geschafft! Die Lekis fliegen in hohem Bogen ins Gras, der Rucksack plumpst hinterher und so stehe ich hier und schaue und staune. Vor mir liegt die schönste Stadt der Welt. Edinburgh. In voller Breite und im strahlenden Sonnenschein. Arthur’s Seat ragt wie ein großer Maulwurfshaufen aus dem leichten Dunst, der das ganze Panorama so schön weichgezeichnet erscheinen läßt.

270 km bin ich gelaufen, um hier oben zu stehen. Ich kann es noch nicht wirklich fassen. So oft war ich schon in Edinburgh, aber noch nie bin ich zu Fuß hier angekommen. Es drückt mir unwillkürlich ein paar Tränen in die Augen. Um ehrlich zu sein … mehr als nur ein paar …

MISSION ACCOMPLISHED !

Der Rest ist Routine. 2 km Abstieg zur Straße zur Endhaltestelle der Linie 4, wo ich mir vor der Busfahrt ins Zentrum im dort ansässigen Inn ein Pint genehmige. Kein echtes Abschlusspint. Mein Abschluss war oben, ganz oben auf dem Allermuir Hill !

Morgen? Nichts tun! Edinburgh genießen, Gedanken sortieren, und irgendwann den Epilog zu diesem Blog in Worte fassen – so watch this place ! (may take a few days)

ALBA GU BRÀTH !